Es war einmal in Amerika Teil 1


Herr Günter Sattler war wieder einmal für ein Sahneschnittchen gut. Im Verlauf eines gemütlichen bierseligen Abends erzählte er uns von seinem ersten Kurzbesuch Ende der70-ziger Jahre in Cleveland Ohio. Die Story fanden wir so ansprechend, dass wir ihn fragten, ob er darüber nicht eine kleine Geschichte schreiben könnte.
Hier ist das Ergebnis:

Im Herbst 1979 flog ich mit meinem damaligen Chef, Herrn Christen, Inhaber der Lastfahrzeug AG Lyss und 2 weiteren Mitarbeitern für drei Tage nach Cleveland Ohio, da die Firma White dort ihren Hauptsitz hatte. Ziel und Zweck unseres „Betriebsausfluges“ war, die Bedingungen für einen Vertrag mit White auszuhandeln. Wir wollten unbedingt Generalimporteur für diese Marke in der Schweiz und in Lichtenstein werden.
Außerdem wollten wir einen für uns akzeptablen Betrag aushandeln, um zukünftig die Ersatzteilversorgung, die technische Dokumentation und die Garantie geregelt zu haben.
Der wichtigste Teil unserer Verhandlungen betraf aber die Ausstattungen der Fahrzeuge mit Motoren, Getrieben und Achsen.

Das verlangt nach einer genaueren Ausführung:
Das Tolle bei White war, das jeder Kunde entscheiden konnte, mit welchen Komponenten er seinen LKW ausgerüstet haben wollte. Für uns kam nur der Cummins F 350 Motor in Frage, da er in punkto Abgas, Lärm, Verbrauch und Service-Intervall (Ölwechsel nur alle 30 000Km) für die damalige Zeit die überlegene Technologie besaß. Zusätzlich gab es in Regensdorf eine Firma, die die Vertretung von Cummins-Motoren für die Schweiz hatte und über ein sehr gut sortiertes Ersatzteillager verfügte.
Ein weiterer Entscheidungsgrund für den Motor war, dass wir aus Krupp-Zeiten die Prüfstände für Cummins Kraftstoff-Pumpen und Einspritzdüsen besaßen. Auch hatten wir das passende Spezialwerkzeug (und das benötigte Know-how, um es auch zu benutzen)
Da ich über 10 Jahre während meiner Zeit bei Büssing und MAN sehr positive Erfahrungen mit Fuller-Getrieben und Eaton-Achsen gesammelt hatte, entschieden wir uns für diese Produkte. Ein weiterer Grund war auch, dass in Deutschland eine Generalvertretung für Eaton gab, die bekannt schnell und zuverlässig arbeitete.


Dieser Deal beinhaltete allerdings für uns ein gewisses Risiko; unsere Whites mussten den Schweizer Vorschriften für die Zulassungsbestimmungen entsprechen, die relativ streng sind.
Wer mehr als drei Fahrzeugen vom gleichen Typ und von der gleichen Person oder Firma zulassen wollte, musste eine so genannte Typenprüfung durchführen lassen.
Obwohl das Fahrzeug typbedingt schon eine allgemeine Zulassung hatte, wurden bei der Typenprüfung dann noch zusätzlich diverse Parameter wie Spurkreis, Breite, Achsabstand, Höhe und Gewicht immer nachgemessen; schließlich wurden manche Fahrzeuge als Unikate auf Kundenwunsch gefertigt und mussten auch den Vorgaben des jeweiligen Kantons entsprechen.

Nachdem wir noch verschiedene Produktionsstätten von Eaton-Achsen und Fullergetrieben besichtigt hatten, und uns sicher waren, die neuen Whites durch die Schweizer Typenprüfung zu bekommen, wurde der Vertrag von beiden Parteien mit einem zufriedenen Gefühl unterzeichnet.


Was für ein erfolgreicher Tag!


Nun möchte ich von einer kleinen netten Episode am Rande berichten.
Am Abend stand ich dann allein an der Hotelbar und bestellte mir ein Bier. Auf einmal sprach mich mein Tresennachbar freundlich auf Englisch an, und fragte mich: „Where are you from?“ Ich erzählte ihm, dass ich aus der Schweiz komme und so gut wie kein Englisch spreche. Daraufhin sagte er mir, kein Problem, er spräche etwas Deutsch.
Beim Erzählen stellten wir fest, das wir beide vor ca. 20 Jahren in Karlsruhe gewohnt hatten, und witzigerweise die gleichen Kneipen besucht hatten. Außerdem kannte er meine damalige Stammkneipe und konnte sich noch an jeden einzelnen Namen der weiblichen Bedienungen erinnern.
Zwischenzeitlich beteiligte sich mindestens die Hälfte der Barbesucher mit Händen und Füßen an unserem Gespräch. Trotz einigen Verständigungsschwierigkeiten war es eine gesellige und lustige Runde. Leider wollten sie mir ständig Bier und Whiskey ausgeben. Wenn mein Chef mich nicht zum Abendessen abgeholt hätte, wäre ich wohl übel abgestürzt.


Das erste was wir zurück in der Schweiz erledigten, war die Fahrzeuge zur Typenprüfung anzumelden und prüfen zu lassen.
Dadurch, dass wir uns im Vorfeld ausreichend Gedanken gemacht hatten, bestanden alle Fahrzeuge die gefürchtete Typenprüfung und wir erhielten die Typenscheine für unsere neuen White-Trucks.

Endlich war für Import und Verkauf von White Fahrzeugen durch die Lastfahrzeug AG alles geregelt.